Sonntag, 28. Juli 2013

2000 Jahre.. und ein bisschen Waise

Glückselig der Mensch, der diese Welt mit einem „Produkt“ beglücken kann, das diese noch nie sah, davon sie noch nie hörte. 

Stellen Sie sich vor, Sie hätten das Speiseeis erfunden. Sie bestimmen den Namen, die Ingredienzen und können dem Eis ein Image verpassen, wie es Ihnen gefällt: Sommer, Strand und Sonne, nur fröhliche Menschen und das alles in Verbindung mit einem Produkt, das höchsten Genuss und gute Laune verbreitet. 

So kennen wir es, so hat es uns die Werbung gelehrt, so ist unser heutiges Speiseeisverständnis. „Eisessen?“ Da haben die Leute rundweg positive Assoziationen.
2000 Jahre.. und ein bisschen Waise; Photo by ClipArt_OfficeOnline
2000 Jahre.. und ein bisschen Waise

Schwieriger ist es mit „Produkten“, die man nicht neu erfinden kann, sondern die man bereits vorfindet und nur noch neu gestalten kann. Denn diese „Produkte“ haben bereits eine Geschichte, die meiner Produktgestaltung vorausgeht. Als die Bank erfunden wurde, hat das die Gesellschaft revolutioniert. Wirtschaft konnte in ganz neuer Weise entstehen, Handel konnte über große Entfernungen unkompliziert gestaltet werden. Heute hat die Bank ein miserables Image. 

Vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit einem Mann, der sich, als er etwas Vertrauen gefasst hatte, als Banker outete. Sofort sah er sich in Erklärungszwang, seine Tätigkeit zu rechtfertigen und sich von den schwarzen Schafen dieser Branche zu distanzieren. Vertreter des Bankwesens zu sein ist heutzutage schon ein wenig wie Spießrutenlaufen.

Nicht anders sieht es in meiner Branche aus, die allgemein mit Kirche betitelt wird und so etwas schwer Greifbares wie Glaubensvermittlung zum Produkt hat. Da stehe nicht einfach ich, mit meinem Denken und Glauben im Hier und Heute. Da stehen plötzlich 2000 Jahre Christentum mit mir im Raum. Da bin ich, dem gegenwärtigen Image der Kirche geschuldet, für Kreuzzüge, Hexen- und Ketzerverbrennung, Frauen- und Wissenschaftsfeindlichkeit, moralische Unterdrückung, sexuellen Missbrauch, Entmündigung des selbständigen Denkens und vieles andere verantwortlich, was 2000 Jahre Kirchengeschichte so mit sich brachten. Schade, dass man mich nicht für das Gesundheitswesen mit seinen Krankenhäusern und Pflegestationen, für das Schulwesen und die Kinderbetreuung und die vielen humanitären Hilfsorganisationen verantwortlich macht. Denn auch das alles hat seinen Ursprung im christlichen Glauben, im Raum der Kirche.

Alle  diese Angelegenheiten, positiver wie negativer Natur, sind Teil der Geschichte des Unternehmens, das sich auf den Gott beruft, der sich in Jesus Christus der Menschheit mitgeteilt hat. Und insofern ich mich in meinem Glauben und Denken auf diesen Jesus berufe, muss ich auch für alles „geradestehen“, was in der Geschichte mit Berufung auf Ihn an den Tag gelegt wurde. Die Menschen sind in irgendeiner Weise mit der Kirche in Berührung gekommen, haben sich ein Vor- Verständnis gebildet von dem, was Christentum so ist und mit sich bringt. Je nachdem, welchen Ausschnitt sie auf dem großen Gemälde der kirchlichen Wirklichkeit wahrgenommen haben, das ist dann ihre Wahrheit vom Christentum. Das alles bringen sie bereits mit, wenn sie mir das erste Mal begegnen. Und je nachdem, welcher Bildausschnitt in ihrem Leben Raum gefunden hat, ich werde erst einmal diesem Ausschnitt angepasst, ihrer Sichtweise eingefärbt. Stell dir vor, du bist verheiratet und musst nun für alles herhalten, was Ehe in ihrer Geschichte mit sich brachte. Du bist exemplarisch für prügelnde, saufende und fremdgehende Ehemänner/ Ehefrauen. So, wie die Leute Ehe wahrgenommen oder erlebt haben, werden sie sie beschreiben und dich als Ehemenschen werten.

2000 Jahre.. und ein bisschen Waise; Photo by ClipArt_OfficeOnline
2000 Jahre.. und ein bisschen Waise
Wer sich als Christ darauf berufen kann und beruft, diesem Jesus persönlich, lebendig begegnet zu sein, fühlt sich unter den landläufigen Meinungen zum Thema Christentum ziemlich allein gelassen  verwaist. Denn er stellt fest, dass diese Meinungen so wenig bis gar nichts mit dem Leben, Lieben und Denken des Jesus zu tun haben, dem er, dem sie begegnet ist. Wer wissen will, wer jemand wirklich ist, muss sich die Mühe machen, ihn oder sie persönlich kennen zu lernen und darf sich nicht damit begnügen, was andere über ihn oder sie sagen oder schreiben. Wer wissen will, was christlicher Glaube wirklich ist und meint, kommt um diese persönliche Gottesbegegnung nicht herum. Und ich muss damit leben, dass der, an den ich glaube mit falschen Vorurteilen und Bildern zugeschüttet ist; dass da erst einmal viel Müll und Schutt beiseite geräumt werden, eine Klärung geschaffen werden muss, damit Klarheit entstehen kann, wer und wie dieser Jesus aus Nazareth wirklich ist, für mich, für dich ist.

Thomas Nachtigall für GottinBerlin.com

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