Freitag, 21. Februar 2014

Was wäre, wenn?

Ein ganz normaler Mittwochnachmittag. U Bahnhof Kottbusser Tor. Ich habe heute eher Arbeitsschluss. Auf dem Bahnsteig der U1 fängt sich die Sonne. Alles schön friedlich. Noch zwei Minuten, dann geht’s Richtung Warschauer Straße, anschließend weiter bis zum Müggelsee. Den Nachmittag genießen.

Was wäre, wenn? Quelle: youtube.comPlötzlich ein Tumult. Irgendwo schreit jemand unverständliches Zeug. Immer lauter werden die wütenden Sätze. Die Rolltreppe befördert die Quelle der Unruhe nach oben auf den Bahnsteig. Ein schmuddeliger, hagerer Mann unbestimmbaren Alters betritt die Szene. Ungewaschen – scheinbar. Alkoholisiert – auf jeden Fall. Ich kann jetzt verstehen, was er schreit. Jeder kann das. „KEINE GNADE FÜR DIESES GESCHMEISS! KEINE GNADE!“ Er blickt in die Runde. Dann schlurft er torkelig zur Treppe am Ende des Bahnsteigs. Er dreht sich nochmal um und spuckt wieder seine Botschaft aus: „KEINE GNADE FÜR DIESES GESCHMEISS! KEINE GNADE!“ Abgang.
Niemand nimmt Notiz von ihm. Die S-Bahn fährt ein. Naja, denke ich. Hat sich das Hirn weggesoffen. Traurig. Aber nicht zu ändern. Bevor sich die Türen schließen, hört man von fern noch mal diesen schrecklichen Satz: „KEINE GNADE FÜR DIESES GESCHMEISS! KEINE GNADE!“.



Was wäre, wenn? Quelle:centrum-universel.com
Was wäre, wenn?
Jetzt kommen die Worte bei mir an und ich erschrecke. Was wäre, wenn er recht hätte? Was wäre, wenn er ein verspäteter Jeremia oder Jesaja wäre? Altertümlich hören sich diese Worte allemal an. Geschmeiss. Gnade. Wer versteht das noch?
Was wäre, wenn er heute nachmittag tatsächlich eine göttliche Botschaft weitergegeben hätte, die sich gewaschen hat? Was wäre, wenn Gott genau heute nachmittag wirklich der Geduldsfaden gerissen wäre? Was wäre, wenn in dieser Minute jeder auf dem Bahnsteig und in der ganzen Stadt für sein Tun und Lassen ganz alleine grade stehen müsste? Für einen Moment beschleicht mich Angst. Ich hole tief Luft. Und kriege eine heftige Sehnsucht nach einem Gott, der gnädig ist. Ein Satz fällt mir ein, zum Glück: „In Christus siehst du Gottes freundliches Herz“.

Jotha für GottinBerlin.com 

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