Dienstag, 4. August 2015

Mit dem Herzen schenken

Während eines Aufenthalts in Paris kam Rainer Maria Rilke regelmäßig mit einer jungen Französin um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß. Ohne je einen Geber anzusehen oder ein anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern, saß sie da und streckte nur ihre Hand aus. Immer am gleichen Ort bettelte sie um Geld. Rilke gab nie etwas. Seine Begleiterin aber gab ein Geldstück. Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nichts gäbe. Rilke gab zur Antwort: „Wir müssten ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.“
Wenige Tage späterbrachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen. Da geschah etwas Unerwartetes: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand, küsste sie und ging mit der Rose davon. Eine Woche lang war die Frau verschwunden. Ihr Platz blieb leer. Vergeblich sucht die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Alten ein Almosen gebe und wovon sie lebe? Nach acht Tagen saß die Bettlerin plötzlich wie früher am gewohnten Platz. Stumm wie damals. Durch die ausgestreckte Hand zeigte sie ihre Bedürftigkeit. Sonst nichts. „Aber wovon hat sie dann all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?“, fragte die Französin. Rilke antwortete: „Von der Rose.“
Um seiner selbst geliebt werden – ohne Vorleistung, nicht wegen besonderer Vorzüge oder irgendeines Vermögen – vorbehaltlos, absichtslos, wertgeschätzt einfach nur geliebt.
Danach trägt jeder Mensch eine tiefe Sehnsucht in sich. Wenn wir alles wegstecken könnten, den Verlust von Wertschätzung und Liebe verkraften wir am schlechtesten. Und es gehört zu unserem Bettlersein, dass kein Mensch diese Sehnsucht nach Liebe, diese Bedürftigkeit nach vorbehaltloser und uneingeschränkter Wertschätzung für einen anderen umfassend erfüllen kann. Das kann nur Gott. Augustinus hat das einmal so formuliert. „Du, Gott, hast uns geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es Frieden findet in dir, o Herr.“
Wir sind angelegt auf diese alles umfassende Beziehung zu Gott. Bei ihm finden wir das, wonach unser Herz sich im Tiefsten sehnt. Unser Leben erfüllt sich nicht durch das Haben von Dingen, sondern immer im Erfahren einer großen Liebe. Deshalb gab Gott uns das Beste, Jesus Christus, seinen Sohn, seine ganze Liebe und Treue. Das Wissen, von ihm geliebt zu sein, gibt unserem Leben Wert, Bedeutung und Sinn.
Schon im Alten Testament gibt Gott den Menschen diese Zusage: „Ich habe nie aufgehört dich zu lieben. Ich bin dir treu, wie am ersten Tag“ (Jeremia 31,3).

Gelesen von Lucie für „Gott in Berlin“
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