Dienstag, 25. Juli 2017

Der Herr des Gartens

Eine alte Legende erzählt von einem wunderschönen Garten mit vielen seltenen Bäumen und Büschen. Überall leuchteten Blüten und Früchte. Vögel zwitscherten. Ein weicher Wind wehte und fächelte Kühlung zu. In der Mitte des Gartens aber stand ein Baum, der alle anderen an Schönheit und Majestät übertraf. Es war ein Bambus, dessen dicht nebeneinander wachsende Halme dicke Rohre gebildet hatten. Von weitem sahen sie aus wie ein mächtiger Stamm. Tief neigten sich seine Zweige, bis sie fast die Erde berührten. Wenn der Wind durch sie strich, funkelten die Blätter, als wären sie aus Silber.

Alle Wege des Gartens liefen auf diesen einen Baum zu. Mit seiner ausladenden Krone ragte er hoch in den Himmel. Wenn der Herr des Gartens am Abend spazieren ging, blieb er bei dem einen oder anderen Baum stehen, streichelte die Rinde und redete mit ihm. Sein liebster Freund aber war der Bambus. Ihm gehörte sein ganzes Herz.

Eines Abends kam der Herr wie gewohnt zu ihm, legte seinen Arm um ihn und sagte: „Ich muss Dir sehr weh tun“, und Tränen standen in seinen Augen. „Ich muss dir, mein geliebter Baum, Schmerzen zufügen. Ich muss dich fällen und in viele Stücke zerteilen. Dann wird durch dich wieder neues Leben entstehen.“

Als der Bambus das hörte, erzitterte er. Eine scharfe Axt würde durch seinen Körper gehen. Alles, was sein Leben bisher reich gemacht hatte, wäre mit einem mal zu Ende. Und tief erschrocken fragte er sich: Wie konnte dieser Herr, den er doch so liebte, ihm das antun? Schüchtern wandte er sich an ihn: „Gibt es nicht einen anderen Weg für mich?“ Die gütigen Augen seines Herrn sahen ihn traurig an und er antwortete: „Nur wenn Du zerbrochen bist, kannst du das tun, wozu ich dich berufen habe. Wenn ich dich abgeschlagen und deine Stängel in Stücke geschnitten habe, werde ich sie zu einem Rohr zusammenfügen und mit einer Wasserquelle verbinden. Dann leite ich das Wasser hindurch auf einen ausgetrockneten Acker. So können Saat und Früchte gedeihen. Bitte vertrau’ mir! Ich weiß, wie dir zumute ist, aber durch dein Opfer werden viele hungrige Menschen satt werden.“

Der Baum sah die Liebe seines Herrn. Er wusste, dass er ihn nicht vernichten wollte, sondern dass alles, was mit ihm geschah, gut war. Und so beugte er demütig sein Haupt und sagte: „Tu mit mir, was du willst – ich bin bereit.“

Als der Herr den Bambus abschlug, hielt der Garten den Atem an. Die Vögel hörten auf zu singen. Die Blüten schlossen ihre Augen. Es war, als ob sich ein Todeshauch über alles legte. Und dann schnitt der Herr die Stängel in Stücke und fügte sie ineinander. Eine lange Leitung entstand. Hell sprudelte das klare Wasser auf den Acker. Dann wurde gesät und gepflanzt und schon bald zeigten sich die ersten Triebe.

Wie konnte der Herr seiner Schöpfung solche Schmerzen zufügen und so viel Schönheit zerstören? Und wie konnte der Bambus der Entscheidung des Herrn einfach gehorchen und nicht schreien „Tu mir das nicht an! Verschone mich!“

Der Baum zweifelte nicht daran, dass der Herr nur das Beste für ihn vorhatte. Er verließ sich auf das Versprechen, dass durch seine Adern einmal Wasser fließen und neues Leben entstehen würde. Und das Wunder geschah: Aus dem, was eigentlich nutzlos und tot schien, begann Neues zu wachsen.

Wenn wir durch Dunkelheit gehen, wenn es so aussieht, als hätten wir keine Luft mehr zum Atmen, wenn unser Leben uns sinnlos erscheint, gerade dann fragt Gott nach unserem Vertrauen: Glaubst du wirklich, ich lasse dich im Stich? Denkst du, ich habe dich vergessen? Wie könnte ich! Je mehr du mir vertraust, umso mehr liebe ich dich. Ich weiß, warum du das alles ertragen musst. Doch du bist nicht allein, ich bin bei dir. Wenn du weinst, weine ich mit dir. Wenn du leidest, leide ich mit dir. Jeden Schritt, den du gehst, gehe ich mit dir. Lass dich in meine Arme fallen. Ich weiß, wohin alles führt. Glaubst du mir?


Irmhild Bärend, Berlin-Zehlendorf, für GottinBerlin

Foto-Copyright: fotolia.com | #70564979 | Romolo Tavani


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Danke für Ihren Kommentar. Wir werden ihn in Kürze freischalten.
Ihr Gott-in-Berlin-Team