Dienstag, 18. Juli 2017

Ziegel vom Dach - Rollstuhl


Plötzlich eingesperrt in einen Rollstuhl. Beine und Arme ohne Funktion. Von einem Augenblick zum anderen herausgerissen aus dem vollen Leben, eingezwängt in schreckliche Bewegungslosigkeit. Angst überfällt mich: Was nun?

Warum klage ich Gott nicht an? Warum schreie ich ihm nicht ins Gesicht: „Du hättest den Unfall verhindern können! Du hast nicht aufgepasst. Darum bin ich jetzt in dieser verzweifelten Situation.“ Warum mache ich ihm keine Vorwürfe?

Anklage sucht Schuldigen

Anklage sucht nach einem Schuldigen, verlangt eine Erklärung: Wenn ich schon leiden muss, will ich wenigstens wissen, warum. Gott weiß, was ein Mensch durchmacht. Aber muss er auch antworten? Und wenn er schweigt? Heißt das, er lässt den Kläger im Stich? Stellt er nicht vielmehr die Frage nach dem Vertrauen? „Glaubst du mir trotzdem, dass ich dich liebe? Ich will meine Schulter unter deine Last schieben und sie mit dir tragen. Wenn du denkst, alles ist vorbei, zeige ich dir einen neuen Weg.“

"Du wirst nicht sterben"! 

Und dann höre ich mitten in meiner Armseligkeit und Hilflosigkeit die Worte: „Du wirst nicht sterben, sondern leben und die Werke des Herrn verkündigen.“ Sie richten mich auf. Sie schenken Mut. Auch wenn die Schmerzanfälle kommen und gehen, ich klammere mich an diese Zusage.

Bewegt sehe ich, wie es heller und heller wird. Eine neue Welt öffnet sich, eine Welt in „Kniehöhe“. Vom zartesten Grashalm bis zum kleinsten Krabbeltier ist mir alles näher gerückt. Was früher klein erschien, ist plötzlich riesengroß, weil ich es viel deutlicher sehen kann. Ich staune! Wie unterschiedlich, wie schön und vollkommen ist Gottes Schöpfung! Immer entdecke ich Neues. Was für ein Geschenk, dass ich noch dabei sein darf, spüren und schmecken wie Leben sich anfühlt –  Sommer und Winter, Herbst und Frühling.

Und die vielen Freunde, die beten – Jeden Tag decken sie für mich einen „Ziegel vom Dach“ ab und legen mich, wie damals die Freunde den Gelähmten, vor die Füße Jesu. Ich spüre, wie er mir die Tränen abwischt und Kraft zum Durchhalten gibt.

Nach Hause kommen

Gott ist voller Überraschungen. Sogar reisen kann ich. Nie vergesse ich das Wiedersehen mit Israel, dem „zweiten Heimatland“ jedes Christen, wie es Ben-Chorin einmal genannt hat. An der Passkontrolle trifft mich der forschende Blick einer Beamtin. „Warum kommen Sie?“ Kritisch geht ihr Blick von mir zu meinen beiden Begleitern. Ich suche nach einer Antwort. Sieht sie nicht, wie glücklich ich bin? Wie oft war ich früher in diesem Land! Und jetzt bin ich wieder da. Tränen stehen in meinen Augen, als ich zu ihr sage: „Ich hatte einen schweren Unfall. Ich dachte, ich könnte nie mehr reisen. Aber nun bin ich hier. Ich wollte „nach Hause“ kommen.“ Daraufhin nimmt sie den Pass, schiebt ihn zu mir hinüber und sagt mit einem breiten Lächeln: „Herzlich willkommen!“

Wie könnte ich Gott nach all dem Wunderbaren fragen „Warum“? Öffnet nicht ein „Wozu“ einen neuen Horizont?

Für alles benötige ich Hilfe

Ja, ich kann mir kein Haar aus der Stirn nehmen, ich kann mir nicht die Nase putzen. Für   einfach alles brauche ich Hilfe. Eins aber kann ich immer noch allein: Ich darf weiter von Jesus erzählen. Und darüber könnte ich vor Freude jubeln! Ich kann gar nicht genug darüber berichten, dass Gott hält, was er versprochen hat. Sonst könnte ich in meinem Rollstuhl nicht oft so froh sein.

Auf Gottes Schultern sitzen 

Ich spüre, wie Gott segnet. Ich empfange Wärme, Hilfsbereitschaft, Liebe. Mein Rollstuhl wird zu einer Tür nach draußen. Immer wieder bete ich, dass Gott mir die Kraft und den Mut gibt, mein Leben nicht als Last, sondern als neue Aufgabe zu sehen. Wie das befreit, beschreibt ein Gedicht „Spuren im Sand“. Ein Mensch geht im Gespräch mit Gott am Strand entlang. Tief in Gedanken blickt er zurück und fragt: „Da, wo es so schwer in meinem Leben war, sehe ich nur ein Paar Spuren im Sand. Da hast du mich verlassen, Herr!“ – „Nein“, kommt die liebevolle Antwort, „da trug ich dich auf meinen Schultern.“ Gibt es Größeres, als von dieser Gnade zu leben?  

Irmhild Bärend, Berlin-Zehlendorf, für GottinBerlin 
Foto-Copyright: fotolia.com | #84314162 | Jenny Sturm

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